Fluss des Lebens – Ganges

Fluss des Lebens - Ganges

Drehbuch: Gernot Gricksch

Gemeinsam mit seiner Mutter Elvira reist Robert Hansen nach Indien, um dort seine mittlerweile zweijährige Nichte Suri bei deren Leihmutter abzuholen. Während Elvira der Gedanke, bald Oma zu sein, begeistert, handelt der pragmatische Robert eher aus einem Pflichtgefühl heraus. Von der Existenz des Mädchens hat er erst vor kurzem erfahren, als er die Unterlagen seiner tödlich verunglückten Schwester Anke sortierte. Nun glaubt er, Ankes letztem Wunsch gerecht werden zu müssen: Er will Suri nach Deutschland bringen und für sie sorgen.

Nach ihrer Ankunft in der heiligen Stadt Varanasi erfahren sie, dass das kleine Mädchen plötzlich verschwunden ist: Ganesh, der Ex-Mann von Leihmutter Parvati, hat das Kind entführt. Angeblich weil er Parvati, die einer niederen Kaste angehört und in ärmlichen Verhältnissen lebt, schützen will. Denn als Mutter eines blonden und hellhäutigen Mädchens, wird sie von ihrem Umfeld geächtet.

Nur widerwillig begibt sich der vorsichtige Robert auf die Suche nach dem entführten Kind. Doch als er Suri, das Ebenbild seiner verstorbenen Schwester, zum ersten Mal sieht, gibt es für ihn keinen Zweifel mehr: Er muss seine Nichte retten. Gemeinsam mit Parvati nimmt er die Verfolgung auf – quer über den Ganges. Von Roberts abenteuerlicher Reise weiß seine Mutter jedoch nichts. In der Sorge um ihren Sohn, findet sie bei dem deutschen Aussteiger Fluppe Trost.

Quelle: https://presseportal.zdf.de/pm/fluss-des-lebens-geboren-am-ganges/

DE 2015

Drehbuch: Gernot Gricksch
Regie: Michael Karen
Produktion: Schiwago Film
Sender: ZDF

Kritiken

Auswahl

tittelbach.tv

Reihe „Fluss des Lebens – Geboren am Ganges“

TILMANN P. GANGLOFF

Das Plakat zu Bernardo Bertoluccis Film „Little Buddha“ zeigt eine Gruppe asiatischer Kinder; mittendrin steht ein blonder weißer Junge, der als einziger Richtung Kamera schaut. „Geboren am Ganges“, der dritte Film aus der ZDF-Reihe „Fluss des Lebens“, erzählt eine völlig andere Geschichte, aber die Assoziation zu dem Plakatmotiv taucht immer wieder auf: weil die kleine blonde Suri inmitten all der dunklen Inder zwangsläufig heraus sticht. Ihre Mutter ist eine Ausgestoßene, denn jeder denkt, sie habe sich mit einem Weißen eingelassen und einen „Bastard“ zur Welt gebracht. Tatsächlich ist Parvati (Pegah Ferydoni) eine Leihmutter: Sie hat das Kind einer deutschen Frau ausgetragen, die jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht mehr aufgetaucht ist; also hat Parvati das mittlerweile zweijährige Mädchen wie ihre eigene Tochter großgezogen, wenn auch unter denkbar ärmlichsten Lebensbedingungen.

Gernot Grickschs Drehbuch knüpft an andere Filme dieser Art an, in denen jedoch meist ungewollt kinderlose Paare im Zentrum standen (etwa „Monsoon Baby“, ARD 2014). Hauptfigur von „Geboren am Ganges“ ist dagegen der Bruder der biologischen Mutter: Sie ist bei einem Fallschirmsprung ums Leben gekommen; Robert (Janek Rieke) hat die Hinweise auf die Leihmutterschaft erst kürzlich in ihren Papieren gefunden. Nun ist er samt Mutter Elvira (Gaby Dohm) nach Varanasi gereist, um seine Nichte nach Deutschland zu holen, doch Parvati denkt überhaupt nicht daran, dass Mädchen wiederherzugeben. Trotzdem kommt Robert ihr gerade recht, denn ihr Ex-Mann hat Suri entführt, um sie an Kinderhändler zu verkaufen. Gemeinsam machen sie sich per Boot den Ganges hinauf an die Verfolgung.

Abgesehen von einem kurzen romantischen Moment während der Freiluftaufführung einer Bollywood-Romanze und einem flüchtigen Kuss verzichten Gricksch und Regisseur Michael Karen („Das Mädchen mit dem indischen Smaragd“) in diesem „Boat-Movie“ auf die üblichen „Herzkino“-Zutaten des Sonntagsfilms im ZDF; „Geboren am Ganges“ ist konsequent als Drama erzählt. Zwischendurch darf zwar Heinz Hoenig durch die Szenerie kaspern, aber seine bildschirmfüllende Figur ist im Grunde ebenso überflüssig wie Roberts Mutter; beide dienen offenbar bloß als Repräsentanten der Zielgruppe. Elvira kriegt gleich zu Beginn die Kotzerei, weshalb sich Robert allein auf die Suche nach Parvati machen muss. Hoenig wiederum spielt einen deutschen namens Fluppe, der Robert immerhin den Hals rettet, auch wenn es etwas konstruiert wirkt, dass er nach einer flüchtigen ersten Begegnung irgendwo auf der Straße just in jener zwielichtigen Vorortspelunke wieder auftaucht, in der Robert gerade in Schwierigkeiten steckt. Weil er sein Telefon in der Kneipe vergessen hat, kommt Fluppe mit Elvira in Kontakt, der die raue Herzlichkeit des Aussteigers sichtbar sympathisch ist.

Entscheidend für die Qualität des Films sind aber ohnehin die Besetzung der beiden Hauptrollen sowie die optische Umsetzung. Die Kamera (Stefan Ciupek) schwelgt geradezu in indischen Impressionen und lässt bei den Auto- und Bootsfahrten keine Gelegenheit ungenutzt, um rechts und links exotische Eindrücke einzufangen. Die Bilder beschönigen dabei nichts; die farbenfrohe Kleidung der Einheimischen kommt ebenso zur Geltung wie das Elend. Angesichts von Parvatis Position ganz am Ende der gesellschaftlichen Rangordnung darf sich Robert zudem darüber auslassen, dass in Indien zwar jedes zweite Tier heilig sei, sich aber niemand für das Schicksal der armen Kinder interessiere. Die Straßenszenen sind nicht zuletzt angesichts der Menschenmassen besonders eindrucksvoll und sehen aus, als hätte Karen seinen Hauptdarsteller einfach ins Gewimmel geschickt. Im Kontrast zu den stimmungsvollen Indienbildern sind die kurzen deutschen Rückblenden eher kühl gehalten. Sie erklären, warum sich Robert für den Tod seiner Schwester verantwortlich fühlt: Er hatte ihr den Fallschirmsprung geschenkt. Das Kennzeichen des Flugzeugs lautet D-EADY.

 

Pegah Ferydoni ist nicht nur wegen ihrer persischen Wurzeln eine gute Wahl für die schöne Parvati, die natürlich nicht zufällig den Namen der Göttin der Mutterschaft trägt. Aber auch Janek Rieke ist eine gute Besetzung, denn Robert, von Beruf Logistiker, ist alles andere als ein Abenteurer. An Indien stört ihn alles: die Nahrung, die Hitze, die Mentalität, der Dreck; das entsprechende Unbehagen, das sich bei einer unfreiwilligen Begegnung mit einer Schlange oder bei unheimlichen nächtlichen Geräuschen naturgemäß noch steigert, vermittelt er jederzeit glaubwürdig. Dass Robert zu Beginn mit Krawatte durch die Stadt läuft, ist zwar etwas übertrieben, aber natürlich ein Signal. Im Verlauf der Handlung wird der Deutsche, von dem seine Mutter sagt, ohne Plan sei er verloren, immer weiter demontiert: Als erstes muss die Krawatte dran glauben, dann öffnet er sein Hemd, das zunehmend verdreckt, und schließlich wird ihm sein Bauchgurt mit allen Papieren und somit gewissermaßen die Identität gestohlen; jetzt ist Robert bereit für einen Neustart. Er wird zwar nicht zum Draufgänger, muss sich jedoch wandeln, um zu lernen, dass ein Kind zur Mutter gehört, die es zur Welt gebracht hat. Am Ende nimmt er sogar mit Todesverachtung ein Vollbad im Ganges.

Großen Anteil an der Wirkung des Films hat auch die Musik (Siggi Mueller, Jörg Magnus Pfeil), die die Stimmung der Bilder enorm intensiviert, immer wieder fernöstliche Elemente aufgreift und auch gut integrierte einheimische Lieder verwendet. Ein anderer Teil der Tonspur ist weniger überzeugend: Offenbar waren sich die Macher nicht ganz im Klaren, wie sie das Sprachproblem lösen. Untereinander sprechen die Inder Hindi, mit den Deutschen jedoch ein makelloses Deutsch. Selbst wenn man davon ausgehen kann, dass es sich um Englisch handeln soll: Ein entsprechender Akzent hätte nicht geschadet. Selbstredend sind die Einheimischen auch nicht um Lebensweisheiten verlegen: Sätze wie „In Europa hat man Uhren, in Indien hat man Zeit“ sind bei Indienfilmen Pflicht. Ein bisschen mystisch darf es ebenfalls zugehen. Trotzdem vermittelt „Geboren am Ganges“ nie das Gefühl, Handlung und Umsetzung seien das Ergebnis einer kalkulierten Mischung bewährter Zutaten.

Bildquellen

  • Fluss des Lebens – Ganges: ZDF