Sazka – Die Wette

Sazka – Die Wette

Quelle: Escape Film

Sazka - Die Wette

Buch & Regie: Martin Walz

Während einer Eisenbahnfahrt durch ein Niemandsland sorgen der Seitensprung eines jungen Mannes und ein Juwelendiebstahl für einige Verwirrung unter den Reisenden und rufen einen verschnupften Kommissar auf den Plan. Als „göttliches Schicksalsspiel“ angelegte Kriminalkomödie, der es weniger um eine überzeugende Geschichte geht, als in einer ausgeklügelten Schwarzweißfotografie voller Zitate und Versatzstücke zu schwelgen. Faszinierend durch seine optische Fabulierlust und unzählige Ausstattungsdetails.

Quelle: https://www.filmdienst.de/film/details/17969/sazka-die-wette

DE/CSFR ‧ 1990 ‧ 80 Min. ‧ Kriminalfilm

Drehbuch: Martin Walz
Regie: Martin Walz
Produktion: Escape Film
Koproduktion: Ecco Film, Filmov Studio Barrandow
Sender: ZDF

Preise

Auswahl

Filmfest Würzburg ‧ Publikumspreis
Internationales Filmfest Troia Portugal ‧ Best Actress Award

Kritiken

Auswahl

DIE ZEIT

DÜNNES EIS

Cocteau, der Filmemacher, läßt grüßen, doch nur von ferne, Martin Walz (Buch und Regie) ist mit seinem Debütfilm etwas Surrealistisches gelungen, das ganz ohne Zauberei und doppelten Boden auskommt. Die Geschichte spielt weder in der Tschecheslowakei noch sonst irgendwo, doch sie lebt von dem unnachahmlichen Charme, den die besten Filme der Tschechen haben. Diese schlaftrunken-muntere Kontemplation, die nachsichtig auf eine rätselhaft verwirrende Welt blickt. Ein Prager Studio, tschechische Darsteller und ein Kameramann namens Ivan Slapeta – der Film-Debütant wußte genau, welches Idiom, welchen Ton sein Stoff braucht.

Es ist der Ton des rollenden Zuges, in dem man – ob nun auf ein fernes Ziel oder eine glückliche Heimkunft – jedenfalls zu warten hat, in dem man sich langweilt oder seine Späße treibt. Späße von der Art des Was-wäre-wenn-Spieles mit dem Abteil­nachbarn, mit dem Zugführer oder dem Kellner.

Das Zugfahren neigt ja an sich dem Irrealen zu, es hebt Menschen aus ihrer norma­len Lebenszeit heraus, und im Warten, im Dösen quillt das Unbewußte auf. Die langweiligen, die immer gleichen Wahrnehmungen laden sich auf mit seltsamen „Untertexten”. Wer dies zu filmen versteht, hat sozusagen leibhaftigen, alltäglichen „Surrealismus” eingefangen.

Schon diese Waggon-Kupplung hat es in sich. Der Zug ruckt, bremst, zieht wieder an, und jedes Mal spürt man, daß man gezogen und geschoben wird, daß man nicht auf festem Boden steht, sondern auf sehr ungewissem Grund. Und jedes Mal nimmt die Kamera für ein Schrecksekunde das Schieben und Ziehen ins Bild: die eiserne Kupplung mit ihren Bolzen und Sicherungen. – Die werden sich von mal zu mal lö­sen, nicht um die Geschichte vom abgehängten Waggon zu erzählen, sondern um zu zeigen, was das Rucken und Zerren bedeutet: Sicherungen lösen sich, eine Los­lösung steht bevor.

Die merkwürdigen Blicke und Gesten des Zugpersonals – immer meinen sie noch etwas anderes, Rätselhaftes, immer sind sie so wissend. Der Schaffner, der Kellner, der Zugführer, sie haben das ganze Spiel tatsächlich inszeniert, doch nie-mand ahnt etwas davon. Am allerwenigsten der Kommissar, auf dessen Scharfsinn die Wette steht. Er soll aufklären, was die freigelassenen Instinkte an Verwirrungen, an Ver­strickungen gestiftet haben. Es gebricht ihm an dem Funken Intuition, er tippt haar­scharf daneben, er ist eben kein Reisender, sondern ein Zugestiegener. Wie-wohl, wenn er lange genug aus dem Fenster schaut, huschen erschreckende Ahnungen über sein Gesicht: Er könnte wieder einmal gründlich fehlgegangen sein, nachdem sich diesmal alles wie von selbst ergab…

Und dieser Ring, das Beweisstück, das ein paar Mal von großen Männerschuhen hin und her gekickt wird, zufällig oder absichtlich, dorthin, wo es gefunden werden soll. Es ist ein Spiel mit Menschen und Indizien, eine kriminalistische Komödie und ein Gesang auf die Inspiration rollender Räder.

(Quelle: Martin Ahrends – Die Zeit, 13.Juli 1990)

FILMDIENST/ TAZ

“WENN GÖTTER UM BULLEN WETTEN

Höllisch langweilen sich die Götter. Zum Zeitvertreib spielen sie mal eben Schicksal. Wetten, daß… beispielsweise jener törichte Polizeikommissar nicht zu retten ist? Aus himmlisch nebulösem Off zu Kellner, Schaffner und Zugführer materialisiert, hat das göttliche Trio hienieden seinen Heidenspaß an irdischem Schabernack. Tatort: ein schlichtes Coupé, das arglos über Land rattert. Ein Kinderspiel, den alternden Kom-missar an Ort und Stelle in eine Falle zu locken. Ein junges Paar wie Beatrice und Thomas paßt dazu ganz wunderbar in den kriminalistischen Kram, reisen die beiden doch gehörig gestreßt vom gemeinsam durchgestandenen Urlaub heimwärts. Mit von der D-Zug-Partie sind allerlei Hinterwäldler samt Kind und Kegel, sowie zu guter Letzt eine französisch angehauchte Schöne. Zu der schlüpft Thomas des Nachts denn auch ins Nachbarabteil. Ein Seitensprung mit kriminellen Konsequen­zen, denn nun klaut Beatrice der Kontrahentin die verführerischen Klunker. Höchste Eisenbahn für unseren Kommissar, Licht ins plötzlich über das Abteil hereingebro­chene Dunkel zu bringen. Kurzerhand werden einige Indizien zu einem Tatmotiv kurzgeschlossen und ruck-zuck liegt irgendwer in Handschellen.

Dummerweise traf es das Opfer, während das beziehungsgeschädigte Pär-chen sich im siebten Himmel der Liebe neuerlich die Hand reicht. Die Götter ziehen die Not­bremse und geben dem verschnupften Kommissar, der zusehends den Durchblick verliert, ein unübber­sehbares „Zeichen”. Unverwandt stiert das Auge des Gesetzes auf eine unwahr­scheinliche Gleisverwerfung. „Ich sehe, was ich sehe. Ich höre, was ich höre. Und dann denk ich drüber nach, was es zu bedeuten hat”, rap-pelt es einem der dienst­beflissenen Hilfspolizisten durch den amtlichen Döskopf.

Eine kriminalistische Komödie des Berliner Debütanten Martin Walz (Jahrgang 1964), der mit glücklicher Hand von den vorzüglichen Möglichkeiten des Prager Bar­randov-Studios profitiert. Der versierte Kameramann Ivan Slapeta zaubert ein wun­dervolles Schwarz-Weiß-Licht-Spiel, das über das titelgebende, nicht allzu zugkräf­tige Wettspiel getrost hinwegsehen läßt. Reichlich fasziniert von unzähligen Ausstat­tungsdetails, weist sich der „bullige” Kommissar (ideal besetzt mit dem über 70jähri-gen Rudolf Hrusinsky) ausgerechnet mit dem Kainsmal seiner Zunft aus, ei­nem Emblem, das nicht von ungefähr an eine argentinische Steakhauskette erinnert. (…) Der Orient-Express durch ein real existierendes Niemandsland kommt nach ei­nigen Durchhängern immer dann so richtig in Fahrt, wenn Situationskomik die geläu­figen Sicherungen – wie bei dem wiederholt ins Bild kommenden doppeldeutigen Kupplungsspiel – aus den Angeln hebt. „You’ll never know the journey’s end”, kommt die amüsante Wette zum weltklugen Schluß.”

(Quelle: Roland Rust, filmdienst & taz Jan 92)