Selbstgespräche

Selbstgespräche

Selbstgespräche

Buch & Regie: André Erkau

Mit einem Kölner Callcenter als Zentrum erzählt Regisseur André Erkau in seinem Langfilmdebüt „Selbstgespräche“ von vier ganz unterschiedlichen Menschen, die alle auf ihre Weise mit ihrer aktuellen Lebenssituation hadern und sich in auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Krisen befinden, die bei genauerem Hinsehen jedoch alle auf einen gemeinsamen Nenner, nämlich Kommunikationsstarre, zurückzuführen sind.
Quelle: https://www.filmstarts.de/kritiken/137578.html

DE · 2008 · Laufzeit 101 Minuten · FSK 0 · Komödie, Drama · Kinostart 31.07.2008

Drehbuch: André Erkau
Regie: André Erkau
Bildgestaltung: Dirk Morgenstern
Produktion: Geissendörfer Film & Fernsehproduktion in Koproduktion mit ZDF Kleines Fernsehspiel
Sender: ZDF
Verleiher: Filmlichter

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Preise

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Prädikat: besonders wertvoll

Max-Ophüls-Festival Saarbrücken ‧ Ophüls-Preis Bester Film •
Max-Ophüls-Preis Saarbrücken ‧ Beste Filmmusik

Kritiken

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SUEDDEUTSCHE.de

HOLGER LIEBS

Es gibt Filme, in die ist man sofort verliebt. Nach einer halben Minute badet man gleichsam darin. André Erkaus Spielfilmdebüt Selbstgespräche ist so ein Fall. Er offenbart tiefe Wahrheiten, aber auf fast schwerelos leichte Weise. Und das alles ist um so erstaunlicher, weil er – sehr munter – eines der traurigsten Themen überhaupt behandelt: die menschliche Einsamkeit.Und dazu passt dann auch irgendwie, dass Chris Norman (vormals Smokie) und der eine Klaus von Klaus & Klaus, also zwei ziemlich abgewrackte Gestalten der Popmusikhistorie, darin als Ruinen ihrer selbst auftreten. Günter Wallraff übrigens auch. Aber das ist Nebensache.
Selbstgespräche ist Eröffnungsfilm einer neuen Staffel der „Gefühlsecht”-Reihe im ZDF. Eigentlich geht es in Erkaus’ Film um die postkapitalistische Hölle eines Callcenters, in der verlorene Existenzen stranden, die zwar nicht mehr so jung sind, aber das Geld trotzdem brauchen. Motto: „Come in and burn out”.
Richard Harms (hinreißend: August Zirner) ist ein Versager. Seine Ehe geht in die Brüche („Wir wollten uns doch immer ausreden lassen, Gisela”); als Abteilungsleiter des Kölner Sweatshops, in dem überteuerte DSL-„Super-Flatrates” vertickt werden, nimmt ihn niemand ernst. Schlimmer noch: Seine Chefin verlangt mit seifigen Platitüden („Vorpommern ist das neue Indien”) fünf Prozent Profitsteigerung, sonst werde das Callcenter geschlossen. Und Harms’ Telefonbox-Untergebene haben eh anderes im Sinn: Sie sehnen sich nach besseren Leben, unerreichbaren Ausflüchten. Sie reden in einem fort mit schmeichelnder Stimme in ihre Headsets hinein und sind doch sprachlos. Im traurigen Nichts grauer Büroflure und sinnloser Ferngespräche gehen ihre Träume baden; sie behelfen sich mit Binsenwahrheiten – allen voran Harms („Leute, da draußen ist Krieg”). Nur wenige werden am Ende den Absprung schaffen.

Da ist zum Beispiel der hemdsärmelige Sascha Wegemann (Maximilian Brückner), ein Fernsehpublikums-Einpeitscher, der von der großen Showkarriere träumt. Seine Parole: „Sascha fickt das System”. Das Problem: Das System reagiert. Seine Freundin erwartet ein Kind und eine geräumige Altbauwohnung; er („definitiv nicht Ehrenfeld!”) versucht jedoch – vergeblich – mit Kollegin Marie anzubandeln (Antje Widdra). Die wiederum ist eigentlich Architektin, aber alleinerziehend – der untreue Kindsvater bekommt ihren ganzen Frust ab.
Bis in die kleinste Nebenrolle ist Selbstgespräche präzise und qualitätvoll besetzt; man beginnt die Figuren schnell zu mögen und charakterlich zu erfassen, auch und gerade die unsymphatischen. So zum Beispiel den grummeligen Vater (Heinz-Werner Kraehkamp) des Autisten Adrian Becher (Johannes Allmayer), der, das beste Pferd im Callcenter-Stall, den Quartalsrekord schafft. Sonst schafft er leider wenig: Becher ist in eine Kundin verliebt, aber hilflos; erst Wegemann, der ihn eigentlich für einen Psycho hält („Norman Bates erklärt mir das Telefonieren”), bahnt ihm am Ende den Weg zur großen Liebe. So verschachteln und verästeln sich die Schicksale aufs Feinste, immer garniert mit Binsen, die garantiert nur in die Leere führen (Harms: „Jemand, der einen Bohrer kaufen will, will ja keinen Bohrer. Er will ein Loch in der Wand”).
In Harms’ Gesicht spiegelt sich das schwarze Loch seiner Existenz – am wunderbarsten ist denn auch jene Sequenz, als alle wichtigen Protagonisten im Close-up zu sehen sind. Melancholischer wird’s nimmer. Sie scheinen, darin ganz zeitgemäß, zu fragen: Und was wird aus mir? Am Ende sind die fünf Prozent erreicht – und doch ist damit gar nichts gewonnen. Die Krise ist in diesem Film Dauerzustand. Aber selten war sie so unterhaltsam. Darum ist der späte Sendetermin auch eine Frechheit.

BLICKPUNKT FILM

„Daraus erwachsende, beklemmende Einsichten konterkariert Erkau mit leichtfüßigen und verhalten-unaufdringlichen Schilderungen der Alltagserlebnisse seiner Figuren.“

FILMDIENST

„Meisterlich hantiert der junge Regisseur mit einer Vielzahl von Figuren, die ein Kölner Callcenter bevölkern. Alle Gestalten in dem tragisch-komischen film wirken nicht nur authentisch, sondern in ihrer Verletzlichkeit nahbar und real.“