Tatort Münster – Gott ist auch nur ein Mensch

Tatort Münster – Gott ist auch nur ein Mensch

Tatort Münster - Gott ist auch nur ein Mensch

Drehbuch: Thorsten Wettcke, Christoph Silber

Die Kunstwelt schaut auf Münster, und der Skandal ist perfekt. Kurz vor der Eröffnung der internationalen Skulptur-Tage sorgt das vermeintlich neue Werk des Aktionskünstlers „G.O.D.“ für großes Aufsehen: Denn bei der Clownsfigur vor dem Rathaus handelt es sich um eine Leiche!

Schnell finden Kommissar Frank Thiel und seine Kollegin Nadeschda Krusenstern heraus, dass es sich bei dem Toten um einen ehemaligen Münsteraner Stadtrat handelt, der vor einiger Zeit vom Vorwurf der Unzucht mit Minderjährigen freigesprochen wurde. Bei der Obduktion entdecken Prof. Karl-Friedrich Boerne und seine Assistentin Silke Haller, dass im Körper der Leiche ein USB-Stick versteckt war. Und auf diesem der Beweis für die Schuld des ehemaligen Lokalpolitikers.

Hat hier jemand Rache an einem zu Unrecht freigesprochenen Kriminellen genommen? Doch warum hat der Täter die Leiche zu einer Skulptur umgewandelt? Noch bevor Kommissar Thiel einen ersten Fahndungserfolg verbuchen kann, gibt es einen zweiten Toten, auch dieses Mal kunstvoll präpariert und präsentiert.

Quelle: https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/sendung/gott-ist-auch-nur-ein-mensch-100.html

DE ‧ 2017 ‧

Drehbuch: Thorsten Wettcke, Christoph Silber
Regie: Lars Jessen
Produktion: Molina Film
Sender: WDR

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tittelbach.tv

Reihe „Tatort – Gott ist auch nur ein Mensch“

TILMANN P. GANGLOFF

Star des Films ist die Titelfigur, die zwar wie Gott klingt, sich aber G.O.D. schreibt. Hinter dem Namen verbirgt sich ein exzentrischer Aktionskünstler, der die nur alle zehn Jahre stattfindenden Skulpturentage Münster zu einem unvergesslichen Erlebnis machen soll; eine Figur wie gemalt für Aleksandar Jovanovic, der mit seinen markanten Gesichtszügen und dem stechenden Blick gern in erstklassig verkörperten zweitklassigen Schurkenrollen besetzt wird. Zoltan Rajinovic alias G.O.D. gehört daher selbstredend zu den Verdächtigen, als kurz vor Eröffnung der Ausstellung eine bizarr verpackte Leiche gefunden wird. Eines Morgens steht vor dem Rathaus ein lebensgroßes Kunstwerk, das dem „Jack in the Box“ nachempfunden ist: ein Clown, der aus einer Schachtel springt. Bei dem konservierten Toten, der unter der Maskerade zum Vorschein kommt, handelt es sich um ein Ratsmitglied, das kürzlich wegen Kindesmissbrauchs angeklagt war, aber freigesprochen wurde. Ein weiteres Mordopfer taucht mumifiziert in einem Schlauchboot vor einem Flüchtlingsheim auf, in der Hand ein Schild mit der Kurzform eines Gandhi-Zitats; der Tote war ein Ausländerhasser. Spätestens bei Leiche Nummer drei gibt es keinen Zweifel mehr: Ein kunstaffiner Mörder übt Selbstjustiz. Dank der Hinweise, die Rechtsmediziner Boerne in den Leichen findet, kommen Hauptkommissar Thiel und seine Kollegin Krusenstern zu dem Schluss, dass der Täter einen vierten Leichnam und den Höhepunkt der Serie anlässlich der Ausstellungseröffnung präsentieren wird.

Das Drehbuch stammt von Christoph Silber und Thorsten Wettcke, die unter anderem den sehenswerten historischen Sat-1-Krimi „Mordkommission 1“ (2015) und das Medical-Drama „Das Wunder von Kärnten“ (2012) geschrieben haben; zum „Tatort“ aus Münster haben sie die Episoden „Schwanensee“ und „Zwischen den Ohren“ beigesteuert. In „Gott ist auch nur ein Mensch“ nutzen sie das Sujet nicht zuletzt für manche Seitenhiebe gegen den Kunst-Betrieb. Lieblingsfigur in dieser Hinsicht ist eindeutig Nika Wenger (Gertie Honeck), die ehemalige Kuratorin der Skulpturentage, ein Kunstparasit, der prätentiöse Sprechblasen absondert. Ihre Nachfolgerin ist die eigene Tochter Klara (Victoria Mayer), die eine etwas ausufernde Kindheitsgeschichte zum Besten gibt: Nika lebte einst gemeinsam mit Staatsanwältin Klemm (Großmann) in einer Kommune, und weil auch Thiels Vater samt Sohn regelmäßig dort vorbeigeschaut hat, begrüßt Klara den Kommissar überschwänglich als „Frankie“; Fotos belegen gemeinsame unbeschwerte Kindertage, an die sich Thiel seltsamerweise gar nicht erinnern kann. Das könnte damit zu tun haben, dass die Kindheit des Kommissars unübersehbar viel länger her ist als die der Kuratorin; Prahl ist 16 Jahre älter als Mayer. Die entsprechenden Szenen wirken ohnehin wie ein missglückter Versuch, auch Thiel senior (Klausnitzer) irgendwie in die Handlung mit einzubeziehen. Dass Klara dem einstigen Spielkameraden vorschlägt, wie früher die Kleider zu tauschen, ist erst recht blödsinnig.

Dieser überflüssige Exkurs ist zum Glück der einzige Fehltritt in dem ansonsten jederzeit stimmig erzählten „Tatort“. Der Stoff scheint auch Lars Jessen besser zu liegen; der Regisseur der großartig skurrilen Komödie „Jürgen – Heute wird gelebt“ hat mit Prahl und Liefers zuletzt den Münster-Krimi „Feierstunde“ gedreht, einen potenziellen Thriller, der als hybride Krimikomödie eher kraftlos wirkte. Diesmal hat Jessen die beiden Genres deutlich überzeugender austariert. Auf die üblichen Slapstickelemente hat er völlig verzichtet, und die obligaten Bosheiten von Rechtsmediziner Boerne gegenüber seiner kleinwüchsigen Assistentin sind auf beiläufige Bonmots reduziert („Weniger ist mehr“). Anders als in vielen früheren Krimis aus Münster haben Silber und Wettcke über ihren Spaß am Spiel mit Wortwitz und absurden Einfällen nicht vergessen, dass auch komödiantische Krimis in erster Linie eine gute Geschichte brauchen. Schon die Einführung ist vergleichsweise komplex. Filme über intelligente Serienmörder müssen ohnehin besondere Ansprüche erfüllen, weil die Täter ihre Jäger ja stets mit versteckten Hinweisen zum geistigen Kräftemessen einladen.

Mehr als nur eine Erwähnung wert ist auch die Kameraarbeit (Rodja Kükenthal), die auf angenehm unaufdringliche Weise kunstvoll wirkt. Dass der asketische Rajinovic gleich zu Beginn in einem gesprungenen Spiegel zu sehen ist, den er zuvor mit einem gezielten Flaschenwurf demoliert hat, mag ein filmisch abgenutzter Hinweis auf eine gestörte Psyche sein, aber später gibt es eine weitere Einstellung dieser Art: Boerne spiegelt sich dutzendfach in einem Kunstwerk, was ihm ein ehrfürchtiges „vita brevis, ars longa“ (sinngemäß: Das Leben ist kurz, die Kunst währt ewig) entlockt; zusammen ergeben die beiden Spiegel-Bilder einen tieferen Sinn, zumal es dem ehrgeizigen Boerne gelingt, Rajinovics „Meisterschüler“ zu werden. Dass der charismatische G.O.D. keine anderen Götter neben sich duldet, versteht sich von selbst. Was zählt da schon eine weltliche Instanz wie die Polizei, weshalb Buch und Regie die Vernehmung des Mannes auf ein schweigendes Blickduell von Thiel und Rajinovic reduzieren. Als der Künstler plötzlich zuckend vom Stuhl fällt, kommentiert Thiel den Anfall mit einem verächtlichen „So ein Kasperkönig“, aber damit tut er Rajinovic unrecht, denn der Titel „Gott ist auch nur ein Mensch“ ist mehr als nur ein Wortspiel. Die beiden anderen Stars der Ausstellung sind längst nicht so exaltiert (und auch nicht prominent besetzt), aber auch sie haben nicht zuletzt dank der ausgefallenen Alibis ihre Momente.

Eine besondere Idee hat sich der Film für den Schluss aufgehoben. Einer der Künstler verbirgt sein jüngstes Werk in einem Koffer. Er gewährt Thiel zwischendurch zwar einen kurzen Blick, aber Jessen verstößt gegen die filmische Syntax, nun auch zu zeigen, was der Kommissar – „Das Bekloppteste, was ich je gesehen habe“ – wahrnimmt. Das weckt die Neugier natürlich erst recht; die Auflösung erfolgt jedoch erst mit dem in der Tat verblüffenden Schlussbild.