„“Das schönste Paar“, Sven Taddickens erster Spielfilm nach eigenem Drehbuch, feierte Weltpremiere in Toronto und bescherte Hauptdarstellerin Luise Heyer eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis. Er startet am 2. Mai in den Kinos. Blickpunkt:Film sprach mit dem Filmemacher u.a. über die Herausforderung, die intensiven, intimen Szenen zu drehen.

 

Sie haben, zum ersten Mal, auch das Drehbuch selbst geschrieben: Wie ist die Idee entstanden, was hat Sie an dem Stoff interessiert?

 

Sven Taddicken: Mich hat die Geschichte interessiert mit ihrer starken Grundprämisse: die Folgen eines sexuellen Übergriffes und vor allem die Dynamik eines Paares, das darin verwickelt ist. Ich hatte, als ich anfing, das Buch zu schreiben, noch keinen Film gesehen, der dieses Thema weiterdenkt. Man kennt den Schrecken aus Zeitungen, er ist allgegenwärtig. Aber danach mit zwei sympathischen Figuren durch die Hölle zu gehen und zu sehen, was dabei herauskommt – ich hatte das Gefühl, dazu könnte mir was einfallen, das hält 90 Minuten aus.

 

Sie nehmen diesen Schnitt früh im Film vor, gerade wenn man sich etwas eingesehen hat, heißt es: Cut. Dann taucht man zwei Jahre später ein in den etwas spießigen Alltag dieses Lehrerpaares. Ein bewusster Kontrast?

 

ST: Man macht das nicht bewusst, Ideen wie dieses Bild mit den beiden Zahnbürsten im Badezimmer entstehen einfach. Die Protagonisten bleiben ein Paar, wollen das durchstehen zusammen, halten sich an ihrer Ordnung fest wie der abendlichen Vorbereitung auf den nächsten Schultag. Diesen Sprung von zwei Jahren gleich am Anfang zu machen, war die erste Idee zu dem Projekt. Damit wird klar: Der Film soll noch einmal neu anfangen, es geht um das Danach.

 

Und mit dem Danach gehen Männer und Frauen unterschiedlich um?

 

ST: Ich finde ja die Unterschiede zwischen Männern und Frauen etwas überbewertet und gar nicht so interessant. Manchmal macht man das beim Geschichtenschreiben, dass man in einem bestimmten Stadium die Geschlechterrollen einfach umdreht und guckt, was dabei herauskommt. Manches wird interessanter, manchmal geht es genauso gut. Auf jeden Fall zeigt es, dass wir immer noch ganz schön in unserem Rollendenken gefangen sind. Klar, bei diesem Projekt hat sich das so ergeben. Zwei Figuren, ein Mann, eine Frau, beide nehmen unterschiedliche Perspektiven ein. Wobei ich sie nicht typisch männlich bzw. typisch weiblich angelegt habe. Aber das müssen die Zuschauer selbst entscheiden.

 

Wie sind die Rollen angelegt?

 

ST: Ihre Rolle ist eher aufgebrochen, ich fand es toll, ihre Figur zu denken: Sehr aktiv, kraftvoll und mutig, sie will weiterkommen, eine Beziehung mit Sexualität führen, ein Leben ohne Schatten, auch wenn sie weiß, der wird nie weggehen – eine sehr spannende Figur. Seine Figur ist ambivalenter, er stellt die Männerrolle in Frage, die viel stärker vom Klischee geprägt ist. Er ist gefangen in Schuldgefühlen, fragt sich, wie kann ich das wieder gerade biegen, was ich gar nicht falsch gemacht habe. Ich verstehe seine Grundangst: Habe ich die Liebe meiner Freundin noch verdient, auch wenn ich sie nicht beschützen konnte (auch wenn ich das gar nicht gekonnt hätte). Es war mir wichtig, die Szene so anzulegen, dass man das erkennt.

 

Die Frage der Schuld taucht immer wieder auf.

 

ST: Er verstrickt sich in so etwas, was man in der Soziologie neuerdings „toxic masculinity“ nennt. Er ist nicht so doof, dass er das nicht reflektiert, er hinterfragt, was er tut, kämpft dagegen auch an.

 

Und dann tun die beiden am Ende etwas Unvorhergesehenes, Befreiendes, wie ein Ausbruch aus ihrem berechenbaren „Lehrerdasein“ – hat sich die Idee beim Dreh entwickelt?

 

ST: Ja. Es fiel mir tatsächlich sehr sehr schwer, das Ende für diese Geschichte zu schreiben. Der Film dekliniert mehrere Möglichkeiten durch, wie man mit dem Schock umgehen kann. Man kann versuchen, zu vergeben, wie es ihr in der Therapie nahegelegt wird. Man kann mit einem anderen Mann ein neues Leben versuchen, in dem der Schatten nicht mehr so präsent ist – was sie eher theoretisch kurz probiert. Er versucht eine handgreifliche Rache, erzählt es seiner Freundin. Das ist alles nicht befriedigend. Ich war selbst gefangen im Durchdeklinieren der verschiedenen Möglichkeiten und habe die Lösung nicht gefunden. Bis Drehbeginn nicht. Zum Glück hatte mein Hauptdarsteller Maximilian Brückner das Gefühl, hier fehlt noch etwas, ohne dass ich ihn darauf gestoßen hätte. Er schlug vor, dass das Paar am Ende seine Wohnung in Schutt und Asche legt. Ich habe gleich gefühlt, da steckt etwas drin, was mit dem Plot, dem Kriminalfall, gar nicht unbedingt etwas zu tun. Und es ist natürlich auch ein symbolisches Bild für das Paar.

 

Es geht um Angst, Schuld, Rache, aber auch Vergebung. Die bekommt allerdings nie eine reelle Chance. Das Ende des Films kann man zwiespältig sehen und mit „Rache ist süß“ grob umschreiben. Hat es die Vergebung-Variante in Ihrem Kopf beim Drehbuchschreiben gegeben?

 

ST: Das ist Auslegungssache. Ich glaube nicht an Rache. Es gibt diesen tollen Western-Spruch: If you go for revenge, you have to dig two graves. Man muss sich sein eigenes Grab mitschaufeln. Oder, anderer Kalenderspruch: Die beste Rache ist keine Rache. Sorg‘ einfach dafür, dass du ein glücklicher Mensch bist. Daran glaube ich. Ich hätte gerne dafür die richtigen Bilder und Szenen gefunden. Ich sehe den Schluss eher als hat etwas Tragisches, wenn beide Figuren zu potenziellen Mördern werden. Sie war schon sehr weit mit ihrer Therapie und Reflexion und fällt auf etwas Archaisches zurück. Ich glaube nicht, dass Rache befriedigend ist. Rache ist in der Fantasie süß, aber nicht im Konkreten. Das Ende ist nicht die Lösung, sondern Teil des Durchdeklinierens: Sie haben nochmal die Kurve gekriegt …

 

Mit Ihrem feinen Gespür für Tonlagen und Zwischentöne stehen Sie für erwachsenes Kino. Ihr Filmschaffen ist durchaus unterschiedlich, „12 Meter ohne Kopf“ Clip war ein Ausflug in anderes Genre. Aber das genaue Hingucken findet schon vorwiegend in Paarbeziehungen statt.

 

ST: Ich hoffe, dass ich nicht nur Filme über Liebesbeziehungen machen werde, aber ich habe schon das Gefühl, dass das mein Ding ist, ich da häufig etwas finden konnte, wie auch mit „Gleißendes Glück“ Clip.

 

Gibt es filmische Referenzen, was waren die Vorbilder?

 

ST: Ich habe Filme angeschaut, in denen es um sexuelle Übergriffe ging – da wollte ich nichts übernehmen. Aber Patrice Chéreaus „Intimacy“ hat mich damals, gegen Ende der Filmhochschule, sehr beeindruckt. Er legte eine Wahrhaftigkeit an den Tag, die ich so noch nicht kannte. In dem Film gibt es auch viele Verfolgungen. Den hab ich mir mit meiner Kamerafrau Daniela Knapp mehrmals angeschaut. Und als es um die Musik ging, habe ich dem Komponisten von „Intimacy“, Eric Neveux, mehr aus fatalistischem Spaß eine E-Mail geschrieben, ob ihn das interessieren würde. Und er hat zugesagt und tatsächlich den Score komponiert!

 

Es sind ungemein intensive, intime Szenen – dafür braucht es viel Vertrauen der Schauspieler in ihren Regisseur. Wie arbeiten Sie mit den Schauspielern?

 

ST: Zum einen merkt man natürlich, welcher Schauspieler auch wirklich Lust hat auf das Projekt. Dann versuche ich, bei den kritischen Szenen sehr explizit und deutlich zu sein. Das steht schon so im Drehbuch, beim Lesen kann man sich relativ gut vorstellen, wie das aussehen wird, und der Schauspieler weiß, worauf er sich einlässt. Die ersten zehn Minuten des Films – die Vergewaltigung und den Überfall – haben wir gleich am Anfang gedreht. Wir hatten alle das Gefühl, wir müssen das hinter uns bringen, damit wir wissen, worüber wir reden. Alle, Schauspieler, Team, ich – hatten Respekt vor diesen Szenen. Meine Lösung ist dann, das haarklein durchzuchoreografieren. Eigentlich möchte ich den Schauspielern gerne Freiheiten lassen, aber in diesem Fall – im Gegenteil. Jeden Schritt, jede Kamerabewegung haben wir geprobt. Als wir gedreht haben, war nichts dem Zufall überlassen. Das gibt Sicherheit, sich wieder zu öffnen und trotz der vielen Choreographiepunkte noch eine Figur zu spielen.

 

Mit Ihrer Kamerafrau Daniela Knapp haben Sie schon öfter gedreht.

 

ST: Seit 1997, seit dem dritten Semester, machen wir alles zusammen. Wir haben zusammen studiert, sie hat jeden meiner Kinofilme fotografiert.

 

Die Kamera ist immer ganz nah dran an den Protagonisten. Distanz gibt es nicht, der Zuschauer wird hineingezogen.

 

ST: Manchmal finde ich Distanz ganz gut, aber nicht hier. Es ist Danielas Ding, sie möchte mit den Figuren mitgehen. So bleiben die Reaktionen immer nachvollziehbar. Sie hatte die idee, einen Film mit nur einer Brennweite zu drehen. Es gibt nur eine normale Brennweite, kein Weitwinkel, kein Tele. Wir fanden, die Geschichte ist so stark, da guckt Daniela mit ihrem nahen Blick einfach mal zu.

 

Es ist Ihre erste Zusammenarbeit mit One Two Films. Wie kam sie zustande?

 

ST: Nachdem ich schon eine erste Drehbuchförderung hatte, habe ich Sol Bondy auf dem Filmfest Schwerin die Geschichte erzählt. Er war neugierig und offen, ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht genau, wohin die Reise geht. Es hat mich gefreut, mit einer relativ jungen Berliner Firma, die ihr Büro bei mir in der Straße gegenüber hat, zusammenzuarbeiten. Es hat sich gut angefühlt für den Film und war für mich so etwas wie ein Neuanfang.

 

War die Finanzierung schwierig?

 

ST: Sie hat sich leider sehr hingezogen. Zwar hatte ich gleich Drehbuchförderung vom BKM, 2011, das hat mir Selbstbewusstsein gegeben, weiterzuarbeiten. Zwei Jahre später lag das Drehbuch meiner Meinung nach in einer Fassung vor, die gut genug war, aber dann wurde es schwierig. Auch der WDR war von Anfang an an Bord, hatte aber zeitnah keinen Slot frei. Wir haben viele Absagen kassiert, bis es klappte. Parallel habe ich an „Gleißendes Glück“ gearbeitet. Eigentlich wollte ich „Das schönste Paar“ zuerst drehen, aber „Gleißendes Glück“ hat rechts überholt. Vor allem als Martina Gedeck und Ulrich Tukur zugesagt hatten. Der Film hat dann dem „Schönsten Paar“ vielleicht auch Türen geöffnet, er geht einen Schritt weiter.

 

2000 waren Sie mit einem Kurzfilm für den Studenten-Oscar nominiert. Ihre Karriere ging mit „Mein Bruder, der Vampir“ und „Emmas Glück“ Clip wie eine Rakete los, „12 Meter ohne Kopf“ war dann ein kleiner Einbruch.

 

ST: Genauso war es. Es gibt sicher viele gute und schlechte Gründe, warum der Störtebeker-Film nicht gut funktioniert hat oder vielleicht auch kein so guter Film ist. Ich hatte immer davon geträumt, selbst zu schreiben, wie beim Kurzfilm, es mir dann aber nicht zugetraut bei einem langen Film. Das ist das Gute an dem Karriereknick, man hat Flucht-nach-vorne-Gedanken. Und heraus kam mein erstes komplett selbst geschriebenes Drehbuch. Bei allen Filmen davor habe ich mit Koautoren gearbeitet. Es fühlt sich ein bisschen an wie mein zweiter Debütfilm. Dass sich die Finanzierung so lange hingezogen hat, liegt vielleicht auch an dem Piraten-Film, der viele Förderer verwirrt hat – wo will der Taddicken hin, kann er das überhaupt? Es braucht Kraft und Ausdauer, da Ruhe und Vertrauen einzufordern nach etwas, was nicht ganz so gut geklappt hat.

 

Ist es für einen Regisseur ein anderes Gefühl, ein eigenes Buch zu verfilmen?

 

ST: Ja, ich finds toll. Aber ich will nicht ausschließen, wieder Bücher anderer zu verfilmen. Das Schreiben ist eine sehr harte, schwere Arbeit, aber wenn dann der Funke überspringt – ein tolles Gefühl! Es hat mir am Set in der Arbeit mit den Schauspielern auch nochmal eine andere Rückendeckung gegeben, wenn ich weiß, warum ich das so gemacht habe. Ich glaube, ich bin ein besserer Regisseur, wenn ich das Drehbuch selbst geschrieben habe. Ich bin offenener für die Ideen der Schauspieler, wie die Schlusssequenz. Und Luise Heyer hat die Therapieszenen noch einmal für sich umgeschrieben. Dieser kleine Vergebungsmonolog ist von ihr.

 

Der Film hat Premiere in Toronto gefeiert, lief dann beim Filmfest Hamburg, bei achtung Berlin und jetzt in Bozen. Wie wichtig sind Festivals für einen Film?

 

ST: Ganz wichtig, mir als Macher tut es gut, da meinen Film gesehen und reflektiert zu wissen.

 

Bekommt man da als Filmemacher mehr Feedback, als wenn er „nur“ im Kino startet?

 

ST: Wir gehen mit „Das schönste Paar“ zehn Tage auf Kinotour, da kriegt man auch einiges mit. Ein zahlender Kinozuschauer ist ein anderer als ein Festivalbesucher, da weht ein anderer Wind. Aber ich will auch das Feedback von den Festivalbesuchern, den Liebhabern. Der Austausch mit fremden Menschen im Publikum ist gut, dann sehe ich den Film anders, weil ich mich in deren Köpfe hineinversetze. Ein Film ist erst fertig, wenn er gesehen wird. Festival ist Festival, man sollte das nicht überbewerten, aber für die Schaffenden ein Geschenk.

 

Würden Sie auch ein serielles Format angehen?

 

ST: Das will ich nicht ausschließen, aber ich muss es nicht. Ich mag die zweistündigen Einzelstücke, in denen ich einen Gedanken durchdenken, dem ganzen einen Anstrich, eine Form geben kann. Form erzählt ganz viel mit. Klar, ich gucke Serien, sie sind wie ein Fortsetzungsroman. Tolle Figuren sind gut, aber mich hat auch etwas anderes angetrieben, ein starkes Thema und wie gebe ich dem eine Form. Das ist eine andere Herausforderung als in einer Serie.

 

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

 

ST: Auch wenn, wie wir alle wissen, die Zahlen nicht so gut sind wie vor zehn Jahren oder in den 50ern, versuche ich persönlich, mich davon nicht irritieren zu lassen und mache weiter. „Das schönste Paar“ ist ja da, wir gehen damit auf Kinotour, der Film wird gesehen werden!

 

Inzest, Behinderung, erste Liebe, Vergewaltigung – Sie packen gern nicht gerade einfache Themen in Ihre Filme. Was kommt als Nächstes?

 

ST: Es gibt ein neues Projekt, an dem ich schreibe, und es ist wieder ein Kinostoff.“

 

Das Gespräch führte Marga Boehle

http://www.mediabiz.de/film/news/x/439616?Nnr=439616&NL=LIBlitz&uid=8511