Mein Sohn, der Klugscheisser

Mein Sohn, der Klugscheißer

Mein Sohn, der Klugscheißer

Filmeditor: Sebastian Thümler

Busfahrerin Debbie Höffner und ihr Sohn Jerôme könnten nicht unterschiedlicher sein: Sie mag Katzenvideos und tiefe Dekolletés, er liebt seine Wollmütze und ist unschlagbar im Kopfrechnen. Keine Frage, Jerôme ist anders, und weil das so ist, können ihn seine Mitschüler nicht leiden.
Anders als die energische Debbie hat sich Jerôme aber schon fast daran gewöhnt, keine Freunde zu haben und gemobbt zu werden. Es regt ihn zumindest nicht mehr auf, wenn sein Skateboard mal wieder demoliert auf dem Dach der Turnhalle landet. Jerômes Langmut ist hingegen Debbies neuem Lover Marco völlig fremd: Der Junge muss sich doch Respekt verschaffen! Jerôme beherzigt Marcos gut gemeinten Ratschlag, er wehrt sich – und bricht dabei einem Mitschüler versehentlich die Nase. Jerôme muss zur Kinderpsychologin, die feststellt, dass er hochbegabt ist und am besten auf ein Internat ginge, das ihn entsprechend fördern kann. Für Debbie, selbst im Heim aufgewachsen und davon traumatisiert, kommt das überhaupt nicht infrage. Sie beginnt ihr eigenes Förderprogramm inklusive Musical-Besuch. Aber während sich Debbie noch fester an ihn klammert, beginnt Jerôme, darüber nachzudenken, ob er unter anderen Hochbegabten besser aufgehoben wäre.

Quelle: https://www.daserste.de/unterhaltung/film/freitag-im-ersten/sendung/mein-sohn-der-klugscheisser-118.html

DE · 2016 · Komödie

Drehbuch: Lea Schmidbauer, Pia Strietmann
Regie: Pia Strietmann
Film Editing: Sebastian Thümler
Produktion: Relevant Film
Sender: ARD Degeto

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Kritiken

Auswahl

Tittelbach

Mein Sohn, der Klugscheißer“ erzählt die Geschichte einer problematischen Mutter-Kind-Beziehung. Ein hochbegabter Junge emanzipiert sich von seiner klammernden Mutter, die ihn liebt, aber nicht verstehen kann und die die Angst plagt, ihn zu verlieren. Der Film von Pia Strietmann zeigt den schmerzlichen Ablösungsprozess stets tonlagensicher zwischen Drama & Komödie: dramaturgisch dicht, psychologisch schlüssig, filmisch flüssig, und einige herzhafte Lacher gibt es auch. Besonders bemerkenswert: Die Kinderrolle ist der erwachsenen in jeder Hinsicht ebenbürtig und sie besticht durch ihren Eigen-Sinn; der Junge ist weder Opfer noch Objekt für Rührseligkeiten. Höfels & Ehrenreich sind große Klasse!

Mini vs. Wollmütze: Mutti will sich zeigen, der Sohn verstecken
Debbie (Alwara Höfels) und ihr vorpubertierender Sohn Jerôme (Maximilian Ehrenreich) leben in zwei grundverschiedenen Welten. Er ist ein As im Kopfrechnen, schreibt kluge Gedichte und scheint den ganzen Tag nur zu denken. Sie ist Busfahrerin, liebt kleine Hunde, schnelle Autos, „Starlight Express“, grelles Outfit und ihren über ein Online-Portal gedateten Italian Teddybear Marco (Adam Bousdoukos). Was Debbie ihre superknappen Miniröcke sind, das ist für Jerôme seine Wollmütze: Sie will sich zeigen, er sich am liebsten verstecken. Der viel zu ernste Junge hat keine Freunde, wird gemobbt und als er Marcos Rat „wehr dich mal“ mit einer Fahrradkette in die Tat umsetzt, hat er bald auch die Lehrer und Eltern gegen sich. Er wird dazu verdonnert, regelmäßig zu einer „Psychotante“ (Barbara Philipp) zu gehen. Als diese vermutet, Jerôme sei hochbegabt und deshalb in der Schule so gelangweilt, vermasselt dieser seiner Mutter zuliebe den Test. Dafür strengt sie sich jetzt in Sachen „Förderung“ ihres Kindes besonders an. Doch sie hat keinen blassen Schimmer, was ihren Jungen umtreibt. Erfolgreicher dagegen ist das „Integrationsprogramm“ seines neuen Kumpels Said (Zoran Pingel), Dauergast bei der Psychologin. Jetzt kann Jerôme auch mal lächeln – und nach einem Besuch in einer Hochbegabtenschule weiß er endlich, dass er „okay“ und nicht allein ist.
Lieber verhaltensgestört als hochbegabt: so bliebe alles beim Alten!
„Mein Sohn, der Klugscheißer“ ist das Drama einer problematischen Mutter-Kind-Beziehung – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Denn zunächst ist es die weibliche Hauptfigur, die in der Geschichte den Ton und im Film die komödiantische Linie vorgibt. Wie die Heldin mit ihrer extrovertierten Lebensart ihren Jungen, den sie über alles liebt und für den sie nach außen schon mal in die Rolle der Löwenmama schlüpft, bestimmt und „klein“ macht, das gilt zunächst auch für den Film: Die Mutter dominiert die Szenen, und der Junge ist das Problemkind; „er ist einfach nicht einfach“, warnt sie schon mal ihren Freund vor. Als das Anderssein des Jungen stärker in den Mittelpunkt rückt, bröckelt langsam die grelle, aufgehübschte Fassade der besten Mama der Welt. Das, was hier psychologisch abläuft, wird spätestens in dem Moment deutlich, als die Mutter klar macht, dass ihr für ihren Sohn die Diagnose „verhaltensgestört“ lieber wäre als „hochbegabt“. Denn das würde bedeuten, ihr Sohn würde auf eine Hochbegabtenschule, ein Internat, wechseln und würde nicht mehr bei ihr wohnen. Die rigorose Weigerung, sich auf dieses „Modell“ für den Jungen einzulassen, scheint sich anfangs durch ihre eigene Biographie zu erklären: Weil Debbie ihrer Mutter zu viel war, hat sie sie in ein Heim abgeschoben. Davon ist sie offenbar noch immer traumatisiert – und ihr Grundsatz „ein Kind gehört zu ihrer Mutter“ unumstößlich. „Sie geht erst einmal von sich aus, ihren Erfahrungen und Nöten, und begreift auf Raten, dass sie die Perspektive wechseln muss, um ihrem Kind gerecht zu werden“, betont Hauptdarstellerin Alwara Höfels.
Die Mutter klammert und ihr Sohn fühlt sich für sie verantwortlich
Der Film erzählt von einer Mutter-Sohn-Symbiose, die auf Kosten des Kindes geht: „Ich habe dich, wir haben uns“, sagt die verzweifelt wirkende Debbie und drückt ihren Jungen, dass der kaum noch Luft bekommt. Während Jerôme im Verlauf der Handlung ein Stück weit sein Selbstwertgefühl findet, verliert die Mutter ihres zusehends. Weil der hyperintelligente Junge intuitiv spürt, dass seine Mutter den Alltag ohne ihn nicht packt (was stimmt, aber aus anderen Gründen, als er annimmt), er aber am liebsten auf dieses coole Internat gehen würde, kommt er nach der Trennung von Lover Marco im Schlussdrittel des Films auf die wahnwitzige Idee, das Dating-Portal-Profil seiner Mutter zu überarbeiten – und da sucht die Blondine dann plötzlich keinen „Helden“ oder rassigen Südländer mehr, sondern einen „intelligenten Mann“ mit Spaß an Buchführung, der einen grünen Daumen hat. Es ist raffiniert, wie die Autorin Lea Schmidbauer, bekannt durch ihre „Ostwind“-Bücher oder das Drehbuch zum Kinohit „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“, und Regisseurin Pia Strietmann, die auch Mit-Autorin war, die Hauptfiguren in die Situation einer klassischen Ko-Abhängigkeit zwingen, ohne es an die große Glocke zu hängen: Jeder deckt der Außenwelt gegenüber das seltsame Verhalten des anderen. Dadurch, dass der Geschichte ein solches stimmiges psychologisches Muster zugrunde liegt, besitzt „Mein Sohn, der Klugscheißer“ eine Wahrhaftigkeit, die tiefer geht als herkömmliche TV-Dramödien und sich gleichsam vor die 08/15-Dramaturgie einer simplen Eltern-Kind-Loslassgeschichte schiebt. Voraussetzung dafür ist, dass die beiden Hauptfiguren der Nabel der Geschichte sind. Besonders bemerkenswert ist dabei die Rolle, die das Kind in diesem Film einnehmen darf. Es emanzipiert sich von der Mutter, greift selbst aktiv in die eigene Geschichte ein und trägt entscheidend zur Lösung bei. Das, was Maximilian Ehrenreich hier spielen muss bzw. darf, ist dem der erwachsenen Hauptrolle ebenbürtig: kein passives Problemkind, kein Opfer von Trennungen wie so oft in gut gemeinten Familiendramen, und dieser Junge muss vor allem keine rührseligen Emotionen in Richtung Zuschauer wecken. Dass Jerôme selbst so gar nichts übrig hat für die emotionale Überschwänglichkeit seiner Mutter, sondern immer ganz trocken sagt, was für ihn Sache ist, passt da wunderbar ins Bild. Eine solche tragende, selbstbestimmte Rolle für ein Kind in einem TV-Primetime-Drama ist eine Rarität (das letzte war wohl „Es ist alles in Ordnung“, 1/2014).
Dramaturgisch dicht, psychologisch schlüssig und filmisch flüssig 
Auch filmisch ist in dem dritten Langfilm von Pia Strietmann nach „Tage, die bleiben“ (Buch ebenfalls Lea Schmidbauer) und „Sturköpfe“, dem sehenswertesten ARD-Freitagsfilm 2015, alles klug und beziehungsreich austariert. So wechseln die Stimmungslagen immer wieder zwischen laut und leise, zwischen Bewegungsdrang und stocksteifem Erstarren, zwischen Momenten greller Überzeichnung und stillen Augenblicken. Auch darin spiegelt sich die Gleichberechtigung der beiden Hauptfiguren und ihrer so unterschiedlichen Mentalitäten. „Hey, Süßi“, strahlt die Mutter über ihr frisch geschminktes Gesicht. „Hallo Mama“, antwortet der Junge ohne eine Miene zu verziehen. Gestörte Familien sind Thema in allen drei Filmen der Regisseurin. So ist die Mutter-Sohn-Beziehung im neuen Film eine Art Fortschreibung der Mutter-Tochter-Geschichte, dem B-Plot, aus „Sturköpfe“. In dem Film spielt Alwara Höfels eine Frau, die mit Anfang 30 noch immer bei ihrer lebensunfähigen Mutter (Johanna Gastorf) wohnt. In Sachen Sehnsüchte der „kleinen Frau“ und Freude am Kitsch kann es Höfels Debbie in „Mein Sohn, der Klugscheißer“ durchaus mit der narzisstisch gestörten Mutter aus Strietmanns zweiten Film aufnehmen. Die Psychologie von Szenen- und Kostümbild ist in beiden Filmen gleichermaßen großartig. Souverän & ästhetisch ansprechend ist im neuen Film vor allem auch der Umgang mit den neuen Medien, den Smartphones mit SMS und MMS oder den Dating-Portalen. Während der Sohnemann ganz ohne Handy auskommt, fingert Mutti ständig damit herum. Köstlich die Szene in einem Museum, in der Jerôme gerade hochinteressiert einem Wissenschaftsvortrag lauscht, derweil seine Mutter ein Katzenvideo auf ihrem Handy empfängt und lauthals herausprustet. Die dramaturgische Klasse lässt sich auch an vielen Details erkennen: dass die Heldin neben Katzenvideos auch Hundebabys liebt, sieht man gleich in der ersten Szene; es ist quasi die Vorbereitung auf einen kleinen Hund, der später noch eine Rolle spielen wird. Dass die Mutter während sie mit ihrem Sohn auf dem Trottoir läuft, ihn zweimal vor einer Straßenlaterne retten muss, ist ein Hinweis darauf, dass Jerôme ein Tagträumer ist. Als er bei der Führung durch die Hochbegabten-Schule gegen eine Glastür läuft, bekommen die beiden Schrecksekunden zuvor nun auch eine Bedeutung für die Geschichte: So passen die Lehrer dieser Elite-Schule also auf ihren „Süßi“ auf (Gibt es ein besseres Argument gegen diese Schule?)! Dass der Film einen schlüssigen und flüssigen Erzählrhythmus besitzt, ist die logische Folge aus dem überaus dichten Drehbuch. Und dass Maximilian Ehrenreich und Alwara Höfels, die regelmäßig auf tittelbach.tv lobende Erwähnung findet, diese Dramödie, die das verhandelte „Problem“ kein bisschen auf die leichte Schulter nimmt, veredeln, das wird hier einfach mal nur behauptet. Die Zuschauer sollten sich am besten selbst davon überzeugen…