Tatort Norddeutschland – Kaltstart

Tatort Norddeutschland – Kaltstart

Tatort Norddeutschland - Kaltstart

Bildgestaltung: Moritz Schultheiß

Bei einer Gasexplosion in der Nähe eines Containerterminals kommen ein Menschenhändler und zwei Polizisten ums Leben. Im Umfeld des Terminals waren einige Personen von dem toten Schleuser abhängig: der Spediteur Dreyer, der Lademeister Martinsen und der undurchsichtige Sicherheitsmann Jertz.

Falke und Lorenz, die zusammen mit ihrem Kollegen Jan Katz gegen den Menschenhändlerring ermitteln, stehen vor einer Mauer des Schweigens. Auch die verzweifelten Flüchtlinge, die in einem Container aufgegriffen wurden, und die traumatisierten Kollegen der toten Polizisten, allen voran Gerd Carstens, begegnen Falke und Lorenz mit Distanz.

Quelle: https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/sendung/kaltstart-100.html

DE • 2013 • 89 Minuten • TV-Film

Drehbuch: Raimund Maessen, Volker Krappen
Regie: Marvin Kren
Bildgestaltung: Moritz Schultheiß
Produktion: Cinecentrum Hannover
Sender: NDR

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Kritiken

Auswahl

focus.de

TV-Kritik zum Tatort

„Kaltstart“Endlich, dieser Wilke-Möhring-„Tatort“ ist kinotauglich.

Es ist erst der dritte „Tatort“ für Petra Schmidt-Schaller und Wotan Wilke Möhring, doch er ist alles andere als das, was der Titel suggeriert: „Kaltstart“ ist ein kinotauglicher Thriller, in dem es um globalen Menschen- und Waffenhandel geht und in dem Polizisten von Drohnen verfolgt werden.

Der neue „Tatort“ aus  Wilhelmshaven auf der Anklagebank: Wer sind die Verdächtigen? Was wird ihnen zur Last gelegt? Machen die Ermittler einen guten Job? Am Ende steht das unbarmherzige Urteil: Ein- oder wegschalten?

Angeklagter: „Tatort – Kaltstart“ (Wilhelmshaven), Sonntag, 27. April 2014, 20.15 Uhr im Ersten

Vorsitzende Richterin: FOCUS-Online-Autorin Sandra Zistl

I. Sachverhalt – Der Fall

Was für ein Fall! Der mit bisher drei Folgen noch sehr junge Nord-„Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller war von Anfang an besonders: Außer Hamburghat keine andere Stadt in Deutschland neben ihrem Stadt-„Tatort“ (mit Til Schweigerals Nick Tschiller) noch einen in der Region vorzuweisen. Jetzt erlaubt sich das Team des NDR eine weitere absolute Neuigkeit: Zum ersten Mal in 44 Jahren „Tatort“-Geschichte wechselt ein Team vom Landeskriminalamt zu einer mobilen Fahndungseinheit der Bundespolizei.

Dieser Schachzug ermöglicht es, mit „Kaltstart“ eine Geschichte zu erzählen, die zwar mit dem Tod von zwei Polizisten und einem Menschenhändler im Jade-Weser-Port beginnt, sich aber zu einem extrem spannenden Thriller über organisierte Kriminalität entwickelt.

II. Beweisaufnahme – Die ErmittlerEine der Hauptrollen nimmt tatsächlich dieser Großhafen ein, der für eine Milliarde Euro an einen Wilhelmshavener Strand gebaut wurde, von Anfang an für großen Ärger in der Lokalpolitik sorgte und weit hinter seinen Erwartungen zurückbleibt. 2,7 Millionen Container könnten dort, in einem tideunabhängigen Tiefseehafen, jährlich umgeschlagen werden. Tatsächlich waren es im ersten Jahr nur 76.000.

Diese reale wirtschaftliche und politische Konstellation wird zum Schauplatz eines Verbrechens, bei dem es zunächst um Menschenhandel zu gehen scheint. Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) finden jedoch heraus, dass sich dahinter noch eine weitere, viel größere, mafiöse Struktur verbirgt. Jedes Wort mehr würde an dieser Stelle zu viel verraten.

Deshalb zu den klassischen Hauptrollen: Falke und Lorenz sind gerade dabei, sich als eines der glaubhaftesten, ernsthaftesten, und realistischsten „Tatort“-Teams zu etablieren. Schmidt-Schaller bekommt das hin, was so vielen Kolleginnen nicht gelingt: Sie steckt zwar auch im stereotypen Outfit aus Lederjacke, Pferdeschwanz und Jeans, sieht dabei aber nicht verkleidet aus.

Und sie behauptet sich gegen den aufbrausenden, ruppigen Falke mit einer warmherzigen Ausstrahlung gepaart mit scharfem Geist, technischem Wissen, sportlicher Coolness und erstaunlichen Connections. So organisiert sie eben mal eine inoffizielle Liste des internationalen Strafgerichtshofs.

II. Zeugen – Die Nebenrollen

Nachdem sich ihre Wege im ersten Nord-„Tatort“ getrennt hatten, da Jan Katz (Sebastian Schipper) Familienvater wurde, sind Falke und er, die beiden Kumpels, nun doch wieder am selben Fall dran. Wenn auch mit unterschiedlichen Zuständigkeiten. Katz ist der Mann für weichere Töne, der auch den vom Tod einer Kollegin persönlich getroffenen Falke mit seinem Charme mal zum Lächeln bringt. Und er steht für so hübsche Worte wie „plietsch“.

Darüber hinaus brillieren (man muss es so sagen, denn es stimmt) in „Kaltstart“ Andreas Patton als pathologischer Spediteur und André M. Hennicke als herrlich maliziöser Handlanger der großen bösen Mafia-Struktur.

IV. Plädoyer – Das Fazit

Und genau die ist es, die diesen ungewöhnlichen „Tatort“ besonders macht. In „Kaltstart“ weiß der Zuschauer stets mehr als Falke und Lorenz, und genau das macht die Bedrohung, die den beiden immer mehr bewusst wird, umso greifbarer und diesen „Tatort“ kinotauglich. Trotz der großen Themen, die verhandelt werden, der bedrohlichen Waffen und der Action-Szenen, sind es die kleinen Gesten, die hier große Wucht entwickeln.

V. Urteil – Im Namen des Volkes

Ansehen!

sueddeutsche.de

Tatort „Kaltstart“

Eine Zigarettenlänge zum Nachdenken

Der Tatort „Kaltstart“ zeigt Gestrandete und Hoffnungslose in Wilhelmshaven, der Nordmensch Falke raucht und raunt, die Atmosphäre ist dicht. Doch es geht um alles. Und das ist viel zu viel

HOLGER GERTZ

Dieser Tatort ist ein Fest für Menschen, die es mögen, wenn Spannung und Schönheit sich in sprechenden Bildern vereinigen. Wotan Wilke Möhring steht als Ermittler Thorsten Falke im Dunkel der Nacht, er hat eine böse Nachricht erhalten, und er registriert sie mit diesem klassischen, vorübergehend flackernden Möhring-Blick: ein Augenaufschlag erzählt von der Verlorenheit des Moments.

Möhring kann auch so rauchen, dass es sich wie trauern anfühlt, und überhaupt wird die Raucherei erfreulicherweise nicht verteufelt, sondern stimmungsbildend in die Handlung eingepflegt. Sturmfeuerzeug an. Anbrennen. Einatmen. Ausatmen. „Ich geb‘ Ihnen eine Zigarettenlänge zum Nachdenken“ sagt Falke zum verdächtigen Lademeister Martinsen. Lademeister ist ein schöner Name für einen, der im Hafen die Lade- und Löscharbeiten organisiert, und in diesem Milieu spielt ja diese Episode.

Der Jade Weser Port in Wilhelmshaven ist Heimathöhle für Gestrandete und Hoffnungslose, denn weil das Kerngeschäft nicht läuft, werden hier Menschen geschleust, das Elend afrikanischer Flüchtlinge wird zu Geld gemacht. Die Hafenarbeiter in ihrer Not verpfänden ihren Stolz, sie helfen den Schleusern.

„Kaltstart“ von Marvin Kren ist atmosphärisch dicht, der Hafen ist eine kalte, windige Hölle, und der Nordmensch Falke raucht und raunt im Stimmklang der Region. „Ball flachhalten, fertichmachen.“ Begriffe werden vorgestellt, die unten im Süden wieder kein Mensch versteht, plietsch zum Beispiel. Aber je tiefer man sich hineingräbt in die Geschichte, desto unmöglicher wird es, ihr zu folgen.

Sie handelt von der Not der Flüchtlinge aus Afrika. Von der Verzagtheit der Männer im Hafen. Von sämtlichen Abgründen der vernetzten Welt, überall stehen Überwachungskameras rum, Laptops verschwinden. Irgendwann schleust Falkes Kollegin sich ins Kapitänshandy ein und findet Familienfotos, Besäufnisbilder, finnische Pornos und Hinweise auf Jérôme Mdanga. Das ist ein Rebellenführer, gesucht mit internationalem Haftbefehl. Die Geschichte handelt jetzt auch noch von Waffenhandel, es geht um die Hintermänner von Hintermännern. Es geht um alles. Und das ist viel zu viel.

Die Musik in diesem Tatort fühlt sich an wie Regentropfen, die Fensterscheiben entlangwandern. Momentaufnahmen voller Atmosphäre, kein Wort am falschen Platz. Stichwort Lademeister. Leider verliert sich die Story komplett hinter den schönen Bildern, sie meistert nicht ihre eigene Last.

SPIEGEL ONLINE

Falke-„Tatort“ über Schleuser

Bei der Bundespolizei herrscht jetzt der Punk

An seinen Pranken sollst du ihn erkennen, den Proletarier. „Sehen Sie meine Hände an – Arbeiterhände“, sagt der Kommissar in vielleicht etwas zu breitem Hamburgisch und mit etwas zu ausholender Armbewegung. Und seine Hände sehen eigentlich auch gar nicht nach Öl, Ruß und Schwielen aus. Trotzdem: „Mein Vater war Hafenarbeiter, Schweißer bei Blohm + Voss. Eines konnten sie ihm nicht nehmen: seinen Stolz.“

Jetzt aber steht Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der Proll mit Polit-Punkattitüde, nicht vor der Traditionswerft an der Elbe, sondern im neuen JadeWeserPort, dem erst 2012 fertiggestellten Tiefseewasserhafen, in dem unabhängig von der Tide die ganz großen Pötte anlegen können. Oder besser gesagt: anlegen könnten. Denn in dem Hightechhafen, dessen Bau Milliarden von Steuergeldern verschlungen hat, herrscht ewige Ebbe, frachttechnisch betrachtet. Manchmal legt in einer ganzen Woche nur ein einziges Containerschiff an. Die Speditionslager sind leer, die Krähne stehen still, die Kaimauern bröckeln.

Arbeit ist in dem Gespensterhafen so gut wie nicht vorhanden, die wenigen verbliebenen Spediteure melden Kurzarbeit an. Auch Lademeister Martinsen (Jochen Nickel), dem Proletariersohn Falke seine schöne Erweckungsrede hält, bringt kaum noch Geld nach Hause. Um über die Runden zu kommen, so findet der Kommissar bald heraus, agierte der Mann als Handlanger eines Schleuserrings, unwürdig für einen aufrechten Malocher. Falke und seine Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller), die inzwischen zur Bundespolizei gewechselt sind, sollen den Ring hochnehmen.

Mord per Drohne

Ein Glück, sie leben. Nach der letzten Folge mit den Hamburger Ermittlern Falke und Lorenz hatte man sich ja ernsthaft Sorgen gemacht. Weil in Hamburg neben dem XXL-Cop Til Schweiger kein Platz für einen zweiten Cop ist, hatte man Falke in einer völlig abstrusen Episode auf Langeoog zwischengeparkt. Der Dreh mit der Bundespolizei eröffnet der Figur nun völlig neue Möglichkeiten: Als Mitglied einer Mobilen Fahndungseinheit (MFE) wird er mit den Auswüchsen globaler Kriminalität konfrontiert, außerdem wird mit ausgefuchsten Observations- und Verfolgungsinstrumenten gearbeitet.

Beste Voraussetzungen also für einen modernen Thriller – die in „Kaltstart“ (Buch: Volker Krappen, Raimund Maessen) auch zu einem XXL-Schocker nach Art des letzten Hamburger „Tatort“ genutzt werden. Das Schleuser-Verbrechen führt zu einem Waffenhändlerkonsortium, das Milizen in Zentralafrika mit neuestem Gerät versorgt. Der Plot ist zwar über Strecken schwer überschaubar, die Täter, die das Geschehen im Hintergrund an Großbildleinwänden verfolgen, bleiben diffus, hinzu kommen einige kriminalistische Absurditäten. Dafür gibt es eine aufwühlende, souveräne Bildsprache.

Regisseur Marvin Kren hat 2010 mit „Rammbock“ einen amtlichen Zombie-Thriller vorgelegt, hier spielt er nun souverän die Motive eines Paranoia-Szenarios durch. Überwachungskameras sind in der Geschichte überall präsent, gemordet wird schon mal mit einer bewaffneten Drohne, die nach vollbrachter Tötung ins dunkle Nass der Wilhelmshavener Nacht verschwindet. Apropos Regen: keine Szene, in der es nicht tröpfelt und weht vor zerklüfteter Nordsee.

Und der gute ehrliche Asi Falke? Läuft mit zerschlissenem Band-Shirt der linksradikalen Hardcore-Legende Minor Threat am windigen Hafenbecken herum und versucht, die Welt zu retten. Nachdem Ermittler afrikanische Flüchtlinge in einem Frachtcontainer gefunden haben, schreit er die Kollegen zusammen: „Die sind in einem Scheißcontainer hergekommen. Sie sollen ‚Asyl‘ sagen!“

So will Falke verhindern, dass die Flüchtlinge sogleich in ihre Heimat zurückgeschickt werden. Eine eher zweifelhafte Hilfsmaßnahme. „Wenn sich herausstellt“, so Kollegin Lorenz, „dass sie aus dem Kongo sind, sind die ganz schnell weg. Der Kongo ist ein befriedetes Land.“ Da hat sich, bittere Pointe, der linke Punk und solidarische Proll Falke zum Helfer einer rigorosen Abschiebepolitik gemacht.

Aufatmen! Nach Irrungen in Ostfriesland finden Falke und Lorenz nun langsam ihre Bestimmung bei der Bundespolizei in Wilhelmshaven. Ihr neuer „Tatort“ ist pralles Paranoia-Kino mit Proll-Faktor und Punk-Attitüde.